Kölnische Rundschau vom 2. Juli 1949

Grüne Zukunft der schwarzen Erde

Linksrheinisches Braunkohlengebiet Vorgarten der Stadt Köln

Köln-Land. Das Problem der Rekultivierung der linksrheinischen Braunkohlengebiete und die Gesetzesfassung dieser aus allen betroffenen Kreisen erhoben Forderungen, ihr organisatorische und finanzielle Voraussetzung, die zur Ausführung einer umfassenden Planung gegeben sein muß - demnach die nüchterne Seite dieses angestrebten Beginnens - wurden wohl genügend in allen Tageszeitungen, vornehmlich auch in der (KR) weitesten Leserkreisen zugänglich gemacht.


Beispiel für die Möglichkeiten praktischen Landschaftsschutzes durch Windschutzhecken

Mit umso größerem Interesse folgten wir deshalb der Einladung der Arbeitsgemeinschaft Kölner Architekten, in deren kleinem Kreis Landschafts- und Gartenarchitekt BDGA Victor Calles (Köln-Lindenthal) - der von der Landesplanungsstelle für die Planung der zukünftigen Landschaftsgestaltung unseres Heimatgebietes hinzugezogene Fachmann - ein reichlich optimistisches Zukunftsbild des

Vorgartens von Köln

entwarf. An Hand anschaulichen Kartenmaterials, in dem die ersten zusammenhängenden Untersuchungen über die geologische und wirtschaftliche Struktur sowie die Erfordernisse der Rekultivierung im linksrheinischen Braunkohlengebiet ihren Niederschlag gefunden hatten, skizzierte er die Gesamtsituation des in Frage kommenden Gebietes, begrenzt von den Orten: Köln - Brühl - Euskirchen - Zülpich - Düren - Jülich und Grevenbroich. Victor Calles ging davon aus, daß das gesamte ausgekohlte Gebiet in dem Sinne rekultivierungsfähig ist, daß es entweder zu Bauzwecken, landwirtschaftlich genutzten Flächen, zur Aufforstung, zur Anlegung von Wasserflächen oder im ungünstigen Falle um eine Versteppung zu verhindern - zur Bepflanzung ausgenutzt werden kann.

Nach seiner Darstellung war die zur landwirtschaftlichen Nutzung vorgesehene Fläche schematisch mit einem engen Netz von Windschutzhecken - zur Verwendung kommen Bäume und Sträucher aller Art - durchzogen.

Anlegung von Windschutzhecken

geschieht nach der Erkenntnis, daß der Wind einen für die Landwirtschaft bestimmenden Faktor bildet. Windschutzhecken dienen dem Zweck, den meist aus einer Richtung streichenden Wind auszukämmen (d. h. seine Geschwindigkeit zu verlangsamen) um Bodenverwehungen und die schnelle Verdunstung des Bodenwassers zu verhindern, sowie die biologischen Wachstumsfaktoren (z. B. den Tau) zu horten. Sie bieten den Vorteil einer Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge, eines Holzertrages, der je nach Pflanzenwahl höher oder niedriger liegt, eines zusätzlichen Ertrages an Früchten, ihrer Verwendung für medizinische Zwecke, vermehrten Vogelschutzes und der Schädlingsbekämpfung, zusätzlicher Bienenweiden und nicht zuletzt eines Schutzes für Weidevieh. All diesen Vorteilen steht nur der Verlust von etwa 5 vH Nutzungsfläche gegenüber sowie

die Einsichtslosigkeit der Bauern.

Ergänzend wies der Landschaftsgestalter auf den nicht zu unterschätzenden Wert hin, den die Hecken im Ausgleich des in seinem Gleichgewicht gestörten Wasserhaushaltes darstellen.

In Berücksichtigung der vorhandenen Forsten und Grünanlagen im Stadtgebiet Kölns und der Planung der noch aufzuforstenden Gebiete ging Victor Calles von der Notwendigkeit der Verbindung beider Gegebenheiten aus. Seine Erwägungen fußten darauf, daß das linksrheinische Braunkohlengebiet nicht nur land- wirtschaftlich, sondern auch landschaftlich zum Kölner Raum gehört, weshalb er es für angebracht hielt, diese Beziehungen in seiner Planung besonders zu betonen. Dadurch soll eine Intensivierung der gegenseitigen Beziehungen gefördert werden, die sich - soweit der Kölner Raum als aktiver Vertreter in Frage kommt - so auswirken würden, daß das durch seine Nähe zu Köln äußerst günstig gelegene Gebiet zum

Erholungsgebiet des kleinen Mannes

wird. Das neu aufzuforstende Gelände mit seinen sich zwangsläufig ergebenden Seen wir zweifellos landschaftlich nicht ohne Reize für den Großstädter sein und durch die zwischen diesem Gebiet und der Stadt Köln entstehenden Siedlungen größeren Umfanges so aufgeschlossen werden müsse, daß eine Verbindung zwischen Köln und diesem Gebiet zukünftige günstige Verhältnisse schaffen wird. Hierbei dachte der Referent z. B. an einen

Rundverkehr von Köln über Junkersdorf - Großkönigsdorf erftaufwärts bis zur Höhe Brühl

Bei aller skeptischen Hinnahme von Planungen können wir uns vorstellen, daß die bereits erwähnten zwangsläufig entstehenden Seen eingebettet in Waldungen, die Bedeutung erhalten, wie die Havelseen für Berlin - mit all ihren Möglichkeiten der Erholung, des Wasser- und sonstigen Sports. Abgesehen davon würden sich in diesem Gebiet auch bedeutend

günstigere Wochenendmöglichkeiten

für den Großstädter ergeben, als es früher für besser Gestellte wegen der weiten Anfahrt ins Bergische Land oder in die Eifel der Fall war. Hat es sich doch gezeigt, daß der Kölner, der erst eine Stunde lang durch die Trümmer der Stadt zu seinem Ausflugsziel im Königsforst oder Bergischen Land fahren muß, lieber zu Hause bleibt. Nach der - wie wir schon eingangs betonten - reichlich optimistischen Planung Victor Calles würde der Kölner in Zukunft in halbstündiger Fahrt durch Grünverbindungen und Siedlungsgebiete in ein Wald und Seengebiet gelangen, das in seiner landschaftlichen Schönheit in nichts mehr an ehemalige ausgekohlte vernachlässigte Braunkohlentagebaue erinnert.

Zu dem von ihm markant, aber nur schematisch eingezeichneten Seenflächen bemerkte Victor Calles, daß es sich hierbei um Wasserflächen handelt, die durch besonders tiefen Abbau der Kohle entstehen und deren restlose Beseitigung durch Wiederaufschüttung unrationell oder technisch unzweckmäßig wäre. Diese Seen werden am östlichen Erftufer voraussichtlich eine erhebliche Fläche einnehmen und in einer derartigen Dichte liegen, daß ihre spätere Einbeziehung in eine

Wasserstraßenverbindung zwischen Schelde und Rhein

(Rhein-Schelde-Kanal) nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, wasserwirtschaftlich und kanaltechnisch zweckmäßig ist. Als logische Folgerung ergibt sich die Ansiedlung von zweckentsprechenden Industriezweigen.


Aufstellungsschema der Windschutzhecken

Infolge der klimatischen Verhältnisse scheint ein übertriebener Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten eines intensiven Gemüsebaues, insbesondere des Obstanbaues (Beerenobst) in unserer Heimat nicht am Platze. Dieser Optimismus ist nur berechtigt für die bereits seit langer Zeit besiedelten Orte, die sich infolge günstiger Lage und dauernder Bodenbearbeitung zum intensiven Feingemüse- und Beerenobstanbau eignen. Die nach Westen geneigten Hänge des Erftsprunges dürften nach Ansicht des Vortragenden in ihrer jetzigen Form nicht erhalten bleiben. Sie werden z. T. dem Kohlenabbau weichen müssen. Wie weit sie einmal zum Verfüllen des abgebauten Tiefbaues - angefangen vom Swisterberg im Süden - verwendet werden, kann noch nicht gesagt werden. Vor geraumer Zeit wurden in der Bliesheimer Heide auf diesen Hängen Steinobstkulturen angelegt, die einen beachtlichen Erfolg auswiesen. Es wird zu untersuchen sein, wie weit die anderen Hänge von Mödrath nach Norden dafür nutzbar gemacht werden können.


Ausschnitt aus dem Calles'schen Plan. Übersichts-Skizze über das Gebiet zwischen Rhein und Erft in der Nähe der Aachener Straße über Dürener und Luxemburger zur Brühler Straße. A = bestehende Forsten bzw. Grünflächen in der Stadt Köln. B = Wiederaufforstungsflächen, radiale Grünzüge zur Stadt Köln. C = Windschutzhecken.

Das Gebiet rechts der Erft lag dem Landschaftsarchitekten besonders am Herzen; denn es ist als das direkte Hinterland der Stadt Köln am meisten in Mitleidenschaft gezogen. Hier zeigt sich deutlich, daß die Planer nicht umhin kommen, entsprechende Pflanzengemeinschaften zusammenzustellen. Die Erftniederung selbst bietet durch ihren Grundwasserbestand und die Bodenverhältnisse die auch heute bereits genutzte Voraussetzung für Weizen- und Hackfruchtanbau sowie die Möglichkeit des bereits beginnenden Pappel- und Korbweidenbaues.

Bei all dem bisher Gesagten hat der Landschaftsgestalter bewußt auf den

Einbau eines organischen Siedlungsnetzes

verzichtet, da hierfür mehr als nur landschaftsgestaltende Gesichtspunkte maßgebend sind. Das bedeutet aber nicht, daß die Planungen ohne solche Gesichtspunkte vorgenommen werden können. Vielmehr müssen diese in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsarchitekten organisch in die Grundzüge der Gesamtplanung eingepaßt werden.

In seinem Plan hat Victor Calles nicht nur das bereits ausgekohlte Gebiet berücksichtigt, sondern auch das in Zukunft auszubeutende Gebiet, worauf entgegnet werden könnte, daß lediglich aber nur das bereits ausgekohlte Gebiet zur Planung reif sei. Dieser Einwand, so betonte er, sei jedoch in keiner Beziehung gerechtfertigt. Es müsse vorausschauend geplant werden, und zwar deshalb, weil sich dort, wo Förderband und Abbaugroßgeräte einmal ihren Platz verlassen haben, die Arbeiten der Rekultivierung und ihre Kosten vervielfältigen. Er wies auf die von den Gruben bereits seit langem erkannten und geübten Erfordernisse der Trennung der oberen Schicht von dem übrigen Deckengebirge hin, da nur so eine vernünftige Mutterbodenwirtschaft betrieben werden kann. Es ist weiter erforderlich, daß bereits beim Abbau eine zweckmäßige Verlagerung des Abraumes erfolgt, weil nur dadurch eine günstige Rentabilität der im großen Umfange erforderlichen Bodenbewegungen gewährleistet ist.

Nach seinen Ausführungen kann das Problem der Rekultivierung nicht lediglich durch eine forstwirtschaftliche Ausnutzung der ausgekohlten Gebiete gelöst werden, da es sich um ein wirtschaftlich, landschaftlich und soziologisch reich gegliedertes Gebiet handelt, dessen Struktur

von der Braunkohle zwar beeinflußt, aber nicht vernichtet

werden darf. Viele der vorher genannten Werte aber werden die Vernichtung anheimfallen, wenn die Rekultivierung nur in reiner Aufforstung bestehen würde.

Der Landschaftsarchitekt hat in diesem großen Raume die Aufgabe, im Rahmen des finanziell Möglichen als Mittler der verschiedenen Interessen eine Harmonie zu schaffen zwischen den Anforderungen der Industrie, der Wirtschaft, dem Verkehr, der Landschaft, den Siedlungsbedürfnissen und der Natur.

Diejenigen, die die Fragen der Rekultivierung des Braunkohlengebietes bejahen, und dies - nach den Ausführungen Victor Calles - nicht, weil sie

Feinde der Technik

sind und die Technik für die Veränderungen unserer Umwelt verantwortlich machen. Jeder Betroffene weiß, daß wir auf die Braunkohle nicht verzichten können, selbst wenn das gesamte Braunkohlengebiet der Vernachlässigung oder gar der Vernichtung anheimfallen sollte. Wie aus den Darlegungen des Landschaftsgestalters hervorgeht, ist die Vernichtung des Braunkohlengebietes nicht zwangsläufig, sondern es bestehen realisierbare Möglichkeiten der Rekultivierung. Sprechende Beispiele dafür finden wir bereits allenthalben im Landkreis Köln, wenn wir auf die Rekultivierungsarbeiten der Grube Hürtherberg hinweisen oder die herrlichen Anlagen des Stadions in Hürth auf uns wirken lassen. Bei Brühl dehnt sich der Berggeistweiher aus und schon blühen weite Felder auf ehemaligem Gelände des Gruhlwerkes. Gewiß ist die Rekultivierung des linksrheinischen Braunkohlengebietes kein Gedanke aus naturschwärmerischen oder ästhetischen Gefühlen, sondern eine bindende Verpflichtung insbesondere auch gegenüber der im Braunkohlengebiet ansässigen und in ihrer Industrie beschäftigten Bevölkerung, gegenüber den wohnungs- und heimatlos gewordenen Städtern und gegenüber den zahlreich zu uns gehörenden Flüchtlingen.

Diese Verpflichtung aber stellt die Planer vor immer neue Aufgaben, wenn wir daran erinnern, daß in letzter Zeit die Ansprüche der heimischen Tonindustrie geltend gemacht werden, die dahin lauten, die durch die Ausbeutung der Gruben frei gelegten Tonvorkommen nicht wieder zu verschütten. Anderseits weisen uns die Versuche, Braunkohle in Tieftagebau zu gewinnen, eine Zukunft, die Kohlevorkommen bis über dreihundert Jahre hinaus garantiert. Fest steht nur eines, da Bild unserer Heimat wird sich stetig verändern; denn über die hier besprochene Planung hinaus erhebt sich bereits das neue Kraftstromwerk in Knapsack, das wegen seiner gewaltigen Größe

der „Ville-Dom“

genannt werden wird und vor dem sich die „Zwölf Apostel“, auf die wir bis zur Stunde mit Stolz hinweisen, nur noch ersatzweise behaupten dürften.

Vo

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